Startseite/ Ratgeber/ Wellen und Lager Passungen
TUTORIAL

Wellen und Lager: Passungen verstehen und richtig wählen

Thomas Albrecht Thomas Albrecht |5. März 2026 |7 Min. Lesezeit |
Zuletzt geprüft: 5. März 2026 durch Thomas Albrecht

Passungen sind das Fundament zuverlässiger Maschinensysteme. Ob Wellen in Lagern, Naben auf Wellen oder Gehäusekomponenten – die richtige Passung bestimmt über Montierbarkeit, Lebensdauer und Betriebssicherheit.

Dieses Tutorial erklärt das ISO-Toleranzsystem (DIN ISO 286), zeigt die verschiedenen Passungsarten und gibt praktische Empfehlungen für Wellen, Lager und Naben-Verbindungen. Mit diesem Wissen können Sie Fertigungszeichnungen richtig spezifizieren und teure Fehlgriffe vermeiden.

Takeaway: H7/k6 ist die Standard-Übergangspassung für Wälzlager-Innenringe. H7/h6 ist die Spielpassung für Gehäuse. Passfedern (DIN 6885) sind kostengünstig, Keilwellen (DIN 5480) für hohe Lasten besser. Das richtige Verständnis von Toleranzfeldern spart Kosten und Rework.

Das ISO-Toleranzsystem nach DIN ISO 286

Das ISO-Toleranzsystem standardisiert, wie Abweichungen vom Nennmaß definiert werden. Jede Toleranzangabe besteht aus zwei Teilen:

  • Toleranzfeld (Buchstabe): Definiert die Position (über oder unter Nennmaß). Großbuchstaben (A–Z) für Löcher, Kleinbuchstaben (a–z) für Wellen.
  • Toleranzgrad (Zahl): Definiert die Breite des Toleranzbereichs. Grade 4–7 sind fein, 8–12 sind grob.

Beispiel: Ø 20 H7/h6

  • H7: Loch mit Grundposition H (positive Abweichung) und Toleranzgrad 7
  • h6: Welle mit Grundposition h (negative Abweichung) und Toleranzgrad 6
  • Dies ergibt eine Spielpassung mit wohldefinierten Grenzen

Das ISO-System erspart enormen Verwaltungsaufwand: Statt Millionen verschiedener Toleranzen weltweit gibt es standardisierte Kombinationen, die sich bewährt haben.

Drei Passungsarten

1. Spielpassung (Clearance Fit)

Das Loch ist immer größer als die Welle. Es existiert garantiert Spiel, auch im ungünstigsten Fall. Typische Kombinationen: H7/g6, H7/h6, H8/h7. Die Welle kann sich drehen. Einsatz: Wälzlager-Außenringe, Führungswellen, Achsen, die sich drehen sollen.

2. Übergangspassung (Transition Fit)

Das Loch kann größer oder kleiner als die Welle sein, je nach Fertigungstoleranz. Es kann Spiel oder leichte Presspassung entstehen. Typische Kombinationen: H7/k6, H7/j6, H7/m6. Der Zustand ist zwischen Spielpassung und Presspassung. Einsatz: Wälzlager-Innenringe, Kupplungen, Zahnräder mit moderater Haftungsanforderung.

3. Presspassung (Interference Fit)

Die Welle ist immer größer als das Loch. Ein Druck wird erzeugt (Formschluss). Typische Kombinationen: H7/p6, H7/s6, H7/u6. Die Presspassung erzeugt Reibung und verhindert Drehung unter Last. Einsatz: Zahnräder mit hohem Drehmoment, Fliehräder, Riemenscheiben, Nabenbauteile mit hoher Haftungsanforderung.

Welle-Nabe-Verbindungen

Passfeder nach DIN 6885

Die Passfeder ist eine einfache, kostengünstige Verbindungsmethode. Sie wird in eine Nut in Welle und Nabe eingefräst und verhindert relative Drehung durch Formschluss. DIN 6885 standardisiert Größen: Breite b, Höhe h, und Tiefe t. Für Wellendurchmesser 12–17 mm ist typischerweise 5×5 mm erforderlich, für 20–25 mm ist 6×6 mm Standard.

Vorteile: Einfach, kostengünstig, Standard. Nachteile: Der Schlitz in der Welle schwächt diese um bis zu 20%, Passfedern können nicht axial verschieben.

Keilwelle nach DIN 5480

Keilwellen sind eine robustere Alternative zu Passfedern. Die Welle hat mehrere Zähne (4, 6, oder 10), die in entsprechende Nuten in der Nabe passen. Das Drehmoment wird auf mehrere Kontaktflanken verteilt, nicht auf eine Passfeder.

Vorteile: Höhere Tragfähigkeit, mehrere Kontaktflanken, ermöglichen axiale Verschiebung (wichtig für Schaltgetriebe). Nachteile: Teurere Fertigung, schwachen die Welle ebenfalls, aber weniger als Passfedern.

Spannsatz

Ein Spannsatz (oder Schnellspanner) ist eine axial verschiebbare Nabe mit Presspassung. Durch Axialverschiebung wird die Nabe auf der Welle geklemmt. Dies ermöglicht schnelle Montage/Demontage ohne Pressen oder Heizen. Spannsätze sind teuer, aber wertvoll für häufig wechselnde Naben.

Typische Passungen bei Wälzlagern

Wälzlager (nach DIN 625 / ISO 15) haben standardisierte Passungsempfehlungen in ihrer technischen Dokumentation. Hier die wichtigsten Kombinationen:

Innenring auf der Welle

  • j5 / j6: Leichte Übergangspassung. Der Innenring sitzt leicht und kann unter hoher Last Spiel entwickeln. Standard für stehende Wellen oder Punktlast am Innenring.
  • k5 / k6: Übergangspassung mit leichter Presspassung. Der festere Sitz verhindert Kriechbewegung des Innenrings bei Umfangslast. Standard für drehende Wellen (rotierende Innenringlast).
  • m6: Moderate Presspassung. Für hohe Lasten und schnelle Drehzahlen erforderlich.

Außenring im Gehäuse

  • H7 / H8: Spielpassung. Der Außenring sitzt locker im Gehäuse und kann leicht ausgetauscht werden. Standard für ruhende Ringe.
  • G7: Spielpassung mit mehr Spiel als H7. Standard für Loslager (Floating Bearings), wo der Außenring leicht axial verschiebbar sein soll, um Wärmedehnung auszugleichen.
  • J7 / K7: Übergangspassung. Für hohe Radiallasten oder bei umlaufender Last erforderlich.

Faustregel: Rotierender Ring = Presspassung (j/k/m), ruhender Ring = Spielpassung (H/G). Die genauen Werte sind in DIN 625 Tabellen definiert und hängen von Größe, Last und Drehzahl ab.

Passungstabelle mit Empfehlungen

Anwendung Passung (Loch/Welle) Art Bemerkung
Wälzlager-Innenring j5 / j6 Übergang Stehende Wellen, Punktlast am Innenring
Wälzlager-Innenring k5 / k6 Übergang Drehende Wellen, Standard DIN 625
Wälzlager-Innenring m6 Press Hohe Last, schnelle Drehzahl
Wälzlager-Außenring H7 / H8 Spiel Ruhender Ring, Standard
Wälzlager-Außenring G7 Spiel Loslager, axial verschiebbar
Passfeder-Nabe H7/h6 Spiel Freie Drehung, leichte Montage
Zahnrad auf Welle H7/k6 Übergang Moderat, Standard
Zahnrad / Riemenscheibe H7/p6 Press Hohes Drehmoment, formschlüssig

Montagehinweise und Best Practices

Presspassung montieren

Presspassungen können kalten Stahlkomponenten bis ca. 50 kN Kraft widerstehen. Für höhere Momente: Hydraulische oder thermische Montage. Thermische Montage: Die Nabe auf 100–150 °C erwärmen, auf die kalte Welle schieben – beim Abkühlen entsteht die Presspassung automatisch. Dies ist schonender und zuverlässiger.

Spielpassung justieren

Spielpassungen (z.B. H7/h6) sollten vor dem Betrieb justiert werden. Radialspiel in Lagern kann durch Spannmuttern oder Spannscheiben eingestellt werden. Dies optimiert die Lebensdauer und reduziert Lärm.

Oberflächenbearbeitung beachten

Raue Oberflächen können Presspassungen schwächen. Nach Feinbearbeitung sollten Oberflächen Ra < 0,8 µm haben. Spezialbeschichtungen (z.B. Nickel, Chrom) können die Passung verändern – immer mit dem Hersteller klären.

Kontrolle und Prüfung

Nach Montage sollten Passungen mit Lehrdornen oder Messschiebern geprüft werden. Für kritische Anwendungen: Röntgen oder Ultraschall-Prüfung, um innere Spannungen zu erkennen.

Brauchen Sie Beratung zu Passungen und Toleranzen?

Unsere Einkaufsexperten unterstützen Sie bei der technischen Spezifikation von Wellen, Lagern und Passungsfragen. Wir helfen bei der Auswahl der richtigen Passung und achten auf kostengünstige Lösungen.

Kontaktieren Sie unsere Experten →

Weitere Ratgeber-Artikel

Kupplungen im Maschinenbau: Typen und Einsatzgebiete

Wellenverbindungen und Kupplungstypen für verschiedene Anwendungen.

Maschinenzubehör: Normteile effizient einsetzen

Passfedern, Sicherungsringe und andere Normteile nach DIN/ISO.

Weitere Ratgeber-Artikel

Entdecken Sie unser Angebot an technischen Leitfäden und Tutorials.

Häufig gestellte Fragen zu Passungen und Toleranzen

H7/k6 ist eine Passungsangabe nach ISO 286. Der erste Teil (H7) ist das Toleranzfeld des Bohrlochs oder der Nabe: H bedeutet, dass die Nabe oben offen ist (positiv). 7 ist die Toleranzgrade (je höher, desto gröber). Der zweite Teil (k6) ist die Welle: k bedeutet, dass die Welle leicht über Nennmaß liegt. 6 ist der Toleranzgrad. H7/k6 ist eine typische Übergangspassung, die leicht sitz- oder spielpassung sein kann, je nach Einzelfall.

h6 ist eine Welle mit dem Toleranzfeld h (minus, unter Nennmaß) und Toleranzgrad 6 (fein). H7 ist ein Loch mit Toleranzfeld H (plus, über Nennmaß) und Toleranzgrad 7 (grob). h6 ist eine sogenannte Grundwelle (Referenz), H7 ein typisches Loch. Die Kombination H7/h6 ergibt eine Spielpassung mit definiertem Spiel.

Bei Wälzlagern wird die Wellentoleranz (z. B. k6) gegen die genormte Lagerbohrungstoleranz nach ISO 492 gepaart – nicht als klassische Loch/Welle-Passung nach ISO 286. k6 erzeugt eine leichte Übergangspassung mit Tendenz zur Presspassung, die den Innenring bei Umfangslast (drehende Welle) sicher gegen Kriechbewegung fixiert. Gleichzeitig bleibt die Montage ohne thermisches Fügen möglich. Die Gehäusebohrung (z. B. H7) sorgt dafür, dass der Außenring als ruhender Ring leicht austauschbar ist. DIN 625 und ISO 15 standardisieren diese Empfehlungen.

Eine Passfeder ist eine rechteckige Stahlnut, die in Welle und Nabe eingefräst wird und verhindert, dass sich Nabe und Welle verdrehen. DIN 6885 definiert Größen und Abmessungen. Die Breite der Passfeder ist etwa 1/4 des Wellendurchmessers. Für eine Welle ø 20 mm ist typischerweise eine Passfeder 6×6 mm erforderlich. Passfedern sind kostengünstig und können hohe Drehmomente übertragen, aber der Schlitz in der Welle schwächt diese.

Keilwellen sind besser für hohe Drehmomente und häufige Montage/Demontage geeignet. Sie verteilen das Drehmoment auf mehrere Flanken (4, 6, oder 10 Zähne), nicht nur auf eine Passfeder. Dies reduziert Flächenpressung und Verschleiß. Keilwellen ermöglichen auch axiale Bewegung (Verschiebung) entlang der Welle – das ist bei Passfedern nicht möglich. Nachteil: Keilwellen sind teurer in der Fertigung und schwächen die Welle nicht so stark.

Thomas Albrecht

Über den Autor

Thomas Albrecht

Head of Procurement · Technische Antriebselemente GmbH

Thomas Albrecht verantwortet den Einkauf bei TEA und berät bei der technischen Spezifikation von Wellen, Lagern und Passungsfragen. Mit langjähriger Erfahrung unterstützt er Konstrukteure und Einkäufer bei der Auswahl hochwertiger Komponenten.

Geprüft am 5. März 2026
+49 40 538892111 sales@tea-hamburg.de