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MODUL 3 · EINHEIT 4 VON 5

Selbsthemmung: Nutzen und Grenzen

ca. 7 Min. · Lernziele, Beispiel, Wissenscheck

Lernziele — nach dieser Einheit können Sie …

  • die Bedingung für Selbsthemmung (Steigungswinkel vs. Reibungswinkel) erklären und an einem Beispiel prüfen;
  • statische von dynamischer Selbsthemmung unterscheiden;
  • begründen, warum statische Selbsthemmung keine Bremse ersetzt und wann eine zusätzliche Haltebremse nötig ist.

Die Bedingung für Selbsthemmung

Selbsthemmung bedeutet: Eine äußere Last kann die Antriebswelle nicht zurückdrehen, obwohl keine Bremse wirkt – das Getriebe blockiert von selbst. Das tritt ein, wenn der Steigungswinkel γ der Schnecke kleiner oder gleich dem Reibungswinkel ρ′ im Zahneingriff ist:

Selbsthemmung, wenn: γ ≤ ρ′ mit ρ′ = arctan(μ / cos α_n)

γ = Steigungswinkel der Schnecke · μ = Reibungszahl im Zahneingriff: für die statische Selbsthemmung die Haftreibungszahl μ₀ (Stahl/Bronze geschmiert, Anhaltswert rund 0,10–0,15), für die dynamische die kleinere Gleitreibungszahl (rund 0,03–0,08) · α_n = Normaleingriffswinkel (meist 20°)

Als grobe Faustregel lässt sich Selbsthemmung an der Übersetzung abschätzen, weil eine hohe Übersetzung meist einen flachen Steigungswinkel bedeutet. Maßgeblich bleiben aber Steigungswinkel (Gangzahl, Baugröße) und Reibwert – verbindlich ist die Herstellerangabe. Anhaltswerte aus Katalogen einstufiger Schneckengetriebe:

  • i < 20:1 (mehrgängig, γ über rund 12°) – keine Selbsthemmung, Getriebe reversibel
  • i ≈ 20–25:1 (γ rund 7–13°) – Grenzbereich, statische Selbsthemmung ungewiss
  • i ≈ 30–50:1 (meist eingängig, γ meist 5–8°) – statische Selbsthemmung üblich, bei Vibration nicht sicher
  • i ≥ 60:1 (γ meist unter 5°) – statische Selbsthemmung ausgeprägt; dynamische erst unter rund 3°, meist erst bei i = 80–100

Bei gleicher Übersetzung streut der Winkel je nach Baugröße und Gangzahl (Beispiel i = 30: rund 6° eingängig, rund 8,5° zweigängig).

Quelle der Anhaltswerte: Katalog „Klassische Schneckengetriebe“, Technische Antriebselemente GmbH, Ausgabe 2022, S. GS 05–GS 06.

Daraus folgt die Faustregel aus Einheit 2: Statische Selbsthemmung setzt voraus, dass der statische Wirkungsgrad (beim Anlauf aus dem Stillstand) unter rund 0,5 liegt; zwischen 0,5 und 0,55 ist sie ungewiss. Der Betriebswirkungsgrad liegt deutlich höher: Schneckengetriebe, die laut Katalog statisch selbsthemmen, erreichen im Lauf durchaus 60–70 %. Dynamische Selbsthemmung verlangt einen Betriebswirkungsgrad unter rund 0,5. Schneckengetriebe (Betriebswirkungsgrad je nach Untersetzung etwa 35–90 %) können deshalb selbsthemmend sein oder nicht; Stirnrad-, Planeten- und Kegelradgetriebe mit η über 90 % sind es nie.

  • Markierter Punkt 1: Gleitreibung 0,05: nicht dynamisch selbsthemmend
  • Markierter Punkt 2: Haftreibung 0,10: statisch selbsthemmend
  • Markierter Punkt µ = 0,05 – Gleitreibung 0,05: nicht dynamisch selbsthemmend
  • Markierter Punkt 1: Haftreibung 0,10: statisch selbsthemmend
Abbildung 3.4-1: Reibwinkel über der Reibungszahl und Selbsthemmungsgrenze. Quelle: Rechenweg dieser Lerneinheit
Beschreibung und Werte der Abbildung

Die Kurve zeigt den Reibwinkel ρ′=arctan(µ / cos α_n) mit α_n=20° über der Reibungszahl µ. Die waagerechte Grenzlinie liegt beim angenommenen Steigungswinkel γ=4°: Links vom Schnittpunkt (µ≈0,066) ist ρ′ kleiner als γ, die Anordnung ist nicht selbsthemmend; rechts davon ist ρ′ größer oder gleich γ, die Anordnung ist selbsthemmend. Der Schnittpunkt liegt bei µ = tan 4° · cos 20° ≈ 0,066. Im Stillstand zählt die Haftreibungszahl (im Beispiel 0,10, rechts vom Schnittpunkt, ρ₀′ ≈ 6,07°: statisch selbsthemmend), in Bewegung die Gleitreibungszahl (0,05, links davon, ρ′ ≈ 3,05°: nicht dynamisch selbsthemmend).

Reibwinkel ρ′ je Reibungszahl µ
Reibungszahl µ (Stillstand: Haftreibung µ₀ · Bewegung: Gleitreibung µ)Reibwinkel ρ′ (°)
0,02 1,22
0,03 1,83
0,04 2,44
0,05 3,05
0,06 3,65
0,07 4,26
0,08 4,87
0,10 6,07

Statisch vs. dynamisch

Statische Selbsthemmung hält eine ruhende Last im Stillstand fest. Dynamische Selbsthemmung bedeutet: Das laufende Getriebe kommt nach dem Abschalten des Antriebs von selbst zum Stillstand, obwohl die Last weiter zieht. Dafür muss der Steigungswinkel auch kleiner sein als der Reibungswinkel der Gleitreibung – und die ist kleiner als die Haftreibung im Stillstand. Dynamische Selbsthemmung braucht deshalb einen deutlich kleineren Steigungswinkel und Wirkungsgrad. Beide Stufen sind gegen Stöße und Vibration nicht gesichert: Erschütterungen können auch ein selbsthemmendes Getriebe in Bewegung setzen.

Rechenbeispiel

Gegeben

Steigungswinkel γ = 4°, Normaleingriffswinkel α_n = 20°; angenommen: Haftreibungszahl μ₀ = 0,10 (Stillstand), Gleitreibungszahl μ = 0,05 (in Bewegung).

Berechnung

  • cos α_n = cos 20° = 0,9397
  • Stillstand: ρ₀′ = arctan(μ₀ / cos α_n) = arctan(0,10 / 0,9397) = arctan(0,1064) ≈ 6,07° → 4° < 6,07° → statisch selbsthemmend
  • Bewegung: ρ′ = arctan(μ / cos α_n) = arctan(0,05 / 0,9397) = arctan(0,0532) ≈ 3,05° → 4° > 3,05° → nicht dynamisch selbsthemmend: Ist das Getriebe einmal in Bewegung (Stoß, Vibration, Abschalten unter Last), läuft die Last weiter.

Erst eine flachere Steigung von γ = 2,5° (kleiner als ρ′ ≈ 3,05°) wäre rechnerisch auch dynamisch selbsthemmend. Das passt zu Herstellertabellen: 3–5° statische, unter 3° zusätzlich weitgehend dynamische Selbsthemmung. Die Reibwerte streuen stark – deshalb ist der Übergang unscharf (Frage 3 im Wissenscheck).

Warum Selbsthemmung keine Bremse ersetzt

Selbsthemmung ist eine geometrische Eigenschaft der Verzahnung – keine geprüfte, normgerechte Sicherheitsfunktion. Verschleiß, Erwärmung (sinkende Ölviskosität, sinkender Reibungskoeffizient) und Vibration können den wirksamen Reibungswinkel senken und die Selbsthemmung schwächen oder aufheben.

Sicherheits- und Normbezug

Die Tragfähigkeits- und Wirkungsgradberechnung von Zylinder-Schneckengetrieben regelt DIN 3996. Sicherheitstechnisch gilt: Die DGUV Vorschrift 54 (Winden, Hub- und Zuggeräte) nennt selbsthemmende Antriebe ausdrücklich als eine Möglichkeit, die Forderung nach einer selbsttätig wirkenden Bremseinrichtung zu erfüllen (Durchführungsanweisung zu § 14 Abs. 2). Für neue Maschinen gelten statt der Beschaffenheitsanforderungen der DGUV Vorschrift 54 die der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG – ab 20. Januar 2027 der Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 – und die Risikobeurteilung des Herstellers. Für kraftbetriebene Winden konkretisiert das die Norm EN 14492-1: Sie lässt selbsthemmende Antriebe als Rücklaufsicherung zu, verlangt für Heben und Senken aber Bremsen, die selbsttätig einfallen. Voraussetzung ist, dass die Selbsthemmung im konkreten Einsatz sicher wirkt: Statische Selbsthemmung kann durch Stöße, Vibration, Erwärmung und Verschleiß nachlassen, und Getriebehersteller weisen darauf hin, dass sie keine Bremse ersetzt. Praxisregel: Ist die Selbsthemmung für den Einsatzfall nicht belastbar nachgewiesen, eine zusätzliche, selbsttätig wirkende (z. B. federbetätigte) Haltebremse vorsehen.

Sicherheitshinweis: Haltebremsen, Absturzsicherungen und andere Sicherheitsfunktionen werden auf Grundlage einer Risikobeurteilung und der einschlägigen Normen (zum Beispiel DIN EN ISO 13849) ausgelegt und geprüft. Diese Lerneinheit erklärt Grundlagen; sie ist dafür keine Grundlage.

Typische Einsatzfälle

Selbsthemmung ist sinnvoll bei Hubwerken (zusätzlich zur normgerechten Bremse), Klappenmechanismen (z. B. Fenster- oder Schranktüren gegen ungewolltes Zuschlagen) und Verstellantrieben, die ihre Position ohne Dauerstrom halten sollen. Bei häufigem Dauerbetrieb mit hohen Laufzeiten überwiegt dagegen meist der Wirkungsgradnachteil – dann ist ein effizientes Getriebe mit separater Haltebremse die wirtschaftlichere Lösung.

Wissenscheck

Beantworten Sie alle drei Fragen und klicken Sie dann auf „Prüfen". Ab 2 von 3 richtigen Antworten gilt die Einheit als abgeschlossen. Wiederholen ist jederzeit möglich.

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Frage 1 von 3: Ab welcher Übersetzung zeigt ein Schneckengetriebe typischerweise statische Selbsthemmung?
Erklärung

Ab etwa i = 30:1 (eingängige Schnecke, Steigungswinkel unter rund 8°) ist statische Selbsthemmung üblich (Faustregel aus Herstellerkatalogen) – bei Vibration aber nicht sicher. Maßgeblich ist der Steigungswinkel; verbindlich ist die Herstellerangabe.

Quelle: Selbsthemmung bei Getrieben: Wann ist sie erwünscht? →
Frage 2 von 3: Ein Schneckengetriebe ist statisch selbsthemmend und soll bei einem kraftbetriebenen Hubwerk eine Last dauerhaft halten. Was gilt?
Erklärung

Die DGUV Vorschrift 54 nennt selbsthemmende Antriebe ausdrücklich als eine Möglichkeit, die Forderung nach einer selbsttätig wirkenden Bremseinrichtung zu erfüllen – sie verbietet Selbsthemmung nicht. Für Winden nach EN 14492-1 kommen deren Bremsanforderungen hinzu (selbsttätig einfallende Bremsen für Heben und Senken). Maßgeblich ist trotzdem die Praxisregel: Statische Selbsthemmung kann durch Stöße, Vibration, Erwärmung und Verschleiß nachlassen; ohne belastbaren Nachweis für den Einsatzfall braucht es eine zusätzliche Haltebremse.

Quelle: Selbsthemmung bei Getrieben: Wann ist sie erwünscht? →
Frage 3 von 3: Im Rechenbeispiel dieser Einheit gilt für die Gleitreibung ρ′ ≈ 3,05°. Ist ein Schneckengetriebe mit Steigungswinkel γ = 2,5° rechnerisch auch dynamisch selbsthemmend?
Erklärung

Die Bedingung lautet γ ≤ ρ′. Mit γ = 2,5° und ρ′ ≈ 3,05° (Gleitreibung) ist sie erfüllt – rechnerisch auch dynamisch selbsthemmend. Bei γ = 4° wäre das Getriebe nur statisch selbsthemmend (ρ₀′ ≈ 6,07° mit Haftreibung).

Quelle: Planetengetriebe: Aufbau, Funktion und Auswahl →

Bitte alle drei Fragen beantworten, um „Prüfen" zu aktivieren.

Vertiefung (optional)

Ratgeber: Selbsthemmung bei Getrieben – Wann ist sie erwünscht? (öffnet in neuem Tab) Ratgeber: Wirkungsgrad von Getrieben berechnen (Rückwärts-Wirkungsgrad) (öffnet in neuem Tab) Ratgeber: Planetengetriebe – Aufbau, Funktion und Auswahl (öffnet in neuem Tab)

Lernzweck: Rechenwege und Zahlen sind vereinfachte Lehrbeispiele. Für eine reale Anlage gelten die Angaben des Herstellers, die einschlägigen Normen und die Prüfung durch eine fachkundige Person.

Curriculum v0.1 (Beta) · Stand 17.09.2026 · Inhalte sorgfältig erstellt und geprüft – finale Abnahme folgt

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