Checkliste: vom Anforderungsprofil zur Getriebeart
Ein Getriebe wird nie nach einem einzelnen Kriterium ausgewählt. Acht Fragen aus den vorherigen Einheiten bilden zusammen das Anforderungsprofil:
- Moment – Nennmoment und Spitzenmoment am Abtrieb
- Drehzahl – Eingangs- und Ausgangsdrehzahl, daraus die Übersetzung (Einheit 1)
- Achslage – parallel, koaxial oder rechtwinklig (Einheit 3)
- Einschaltdauer – Betriebsstunden pro Tag; bei Dauerbetrieb zählt der Wirkungsgrad stärker (Einheit 2)
- Positioniergenauigkeit – geringes Verdrehspiel nötig? Spricht eher für Planeten- als für Schneckengetriebe
- Einbaulage – horizontale oder vertikale Abtriebswelle
- Umgebung – Temperaturbereich, Schmierungskonzept
- Budget – Anschaffungs- vs. Betriebskosten über die Laufzeit
Fällt bei „Einschaltdauer" die Antwort „Dauerbetrieb, hohe Laufzeit", verschiebt sich die Auswahl fast automatisch weg vom günstigen, aber wenig effizienten Schneckengetriebe (Einheit 2) – es sei denn, gleichzeitig ist Selbsthemmung sicherheitsrelevant gefordert (Einheit 4).
Das Datenblatt richtig lesen
Drei Angaben im Datenblatt entscheiden oft über Erfolg oder Ausfall der Auslegung:
- Nennmoment – das Moment, für das das Getriebe im Dauerbetrieb ausgelegt ist; Spitzenmomente (Anlauf, Stoß) müssen zusätzlich geprüft werden.
- Anwendungsfaktor K_A – multipliziert das tatsächliche Lastmoment, um Stoß- und Betriebsart abzubilden; nach ISO 6336 bei stoßbehafteten Antrieben (Förderer, Pressen) schnell 1,5–1,75. Im Getriebekatalog wird er oft Betriebsfaktor genannt. Nicht verwechseln mit dem Überlastfaktor für Aussetzbetrieb aus Modul 1, durch den geteilt wird.
- Übersetzungsreihe und Qualitätsstufe – die verfügbaren Übersetzungsstufen einer Baureihe sowie die Fertigungsqualität nach DIN 3961/3962, die Geräusch, Laufruhe und Preis mitbestimmt.
M_erf = M_Last · K_A
M_erf = erforderliches Auslegungsmoment (Nm) · M_Last = tatsächliches Lastmoment (Nm) · K_A = Anwendungsfaktor nach ISO 6336 (im Katalog oft Betriebsfaktor, dimensionslos)
Merksatz
Typische Fehler aus der Praxis
Diese fünf Fehler tauchen in der TEA-Beratung immer wieder auf:
- Mit dem Nenndrehmoment rechnen und den Anwendungsfaktor K_A bei stoßbehafteten Antrieben vergessen.
- Die Selbsthemmung eines Schneckengetriebes ohne belastbaren, vom Hersteller bestätigten Nachweis als vollwertigen Bremsersatz einplanen. DGUV Vorschrift 54 nennt selbsthemmende Antriebe als eine Möglichkeit, die Forderung nach einer selbsttätig wirkenden Bremseinrichtung zu erfüllen; für Winden nach EN 14492-1 kommen deren Bremsanforderungen hinzu (selbsttätig einfallende Bremsen für Heben und Senken). Ob die Selbsthemmung die Last im Einsatzfall sicher hält, muss nachgewiesen sein (Einheit 4).
- Die Schmierölviskosität pauschal zu hoch wählen, statt sie auf Drehzahl- und Temperaturfenster abzustimmen.
- Bei Schrägverzahnung die entstehenden Axialkräfte im Lagerkonzept nicht berücksichtigen (Lagerung für die Axialkraft auslegen, z. B. Schrägkugel- oder Kegelrollenlager, je nach Größe der Axialkraft; Berechnung der Axial-/Radialkraft siehe Modul 4).
- Die Qualitätsstufe nach DIN 3961/3962 in der Anfrage weglassen – dann unterstellt jeder Anbieter eine andere Toleranz, mit spürbaren Unterschieden bei Geräusch und Preis.
Beispiel: Checkliste angewendet
Ein Förderbandantrieb läuft 16 Stunden täglich (hohe Einschaltdauer), die Wellen liegen parallel, Positioniergenauigkeit ist nicht gefordert, und Selbsthemmung wird nicht gebraucht. Die lange Laufzeit macht den Wirkungsgrad zum wichtigsten Kriterium – die Checkliste spricht damit für ein Stirnradgetriebe in Standard-Qualitätsstufe, ausgelegt mit einem Anwendungsfaktor K_A entsprechend der Stoßbelastung durch das Fördergut.
Wissenscheck
Beantworten Sie alle drei Fragen und klicken Sie dann auf „Prüfen". Ab 2 von 3 richtigen Antworten gilt die Einheit als abgeschlossen. Wiederholen ist jederzeit möglich.
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